ohne Geld von Wien nach London – Teil 2

WIRKLICH ALLEIN

unser unterkunftgeber muss morgens früh aus dem haus und braucht dazu einiges aus dem schuppen. also müssen auch wir zeitig aus dem schlafsack. ich spüre die gestrigen anstrengungen noch ziemlich, besonders der hintern tut weh. erfreulicher weise dürfen wir duschen und werden mit einem ausgiebigen frühstück bewirtet. dabei kommen wir auf mein projekt zu sprechen und es entspinnt sich eine interessante diskussion über flüchtlingspolitik mit unserer gastgeberin. das hilft mir ein bisschen meine extreme nervosität zu vergessen und meine lebensgeister wieder anzufachen.

zwei stunden später verabschieden wir uns, und robert quert noch die donau mit mir. dann biegt er rechts ab, richtung heimat, ich beneide ihn zutiefst. ich fahre links. das wetter ist kühl und es macht den eindruck, als würde es bald regnen. meine stimmung ist noch um einiges düsterer.

einerseits bin ich noch erschöpft vom vortag. andererseits habe ich immer noch praktisch den gesamten weg vor mir, mehr als 2000 km. alleine mit meinen gedanken, die hauptsächlich um nahrungsaufnahme und unterkunft kreisen werden, und wie ich es schaffe, diese zu bekommen. bitten und abhängig sein vom wohlwollen fremder, das ist ab jetzt mein alltag. ich habe dieses ‚flüchtlingsgefühl‘ schon richtig verinnerlicht.

der radweg verläuft entlang dem linken donauufer und mir weht eine steife brise entgegen. das radeln ist anstrengend und ich muss an sebastian von fahrrad 18 denken. er meinte gegenwind darf keine auswirkung auf die fahrleistung haben, er könne bei jedem wind einen schnitt von 30 km/h halten. ich bin glücklich wenn ich die hälfte schaffe.

es ist mir zutiefst unangenehm um essen zu fragen und ich versuche es so lang wie möglich hinauszuschieben. ich habe aber das gefühl bald gar nicht mehr vom fleck zu kommen. ich brauche etwas stärkendes. bei einem adeg halte ich an und bitte um bananen. allerdings gerate ich mit meinem anliegen an die bäckerin des ladens. sie hat keine bananen. statt dessen schenkt sie mir einen halben laib vollkornbrot schneidet ihn mir auch gleich auf. zwar nicht das gewollte, trotzdem sehr hilfreich.

obwohl es mittlerweile regnet wird meine stimmung besser. das reisetempo bleibt aber niedrig.

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wieder überquere ich die donau bei einer staustufe. die landschaft und der weg hier sind sehr idyllisch. ich  treffe andere radfahrer mit denen ich plaudere, eine willkommene abwechslung. ein sehr nettes britisches ehepaar schenkt mir während einer kurzen pause endlich eine banane, und eine kabernossi zu meinem brot. ich bin froh, mehr verpflegung brauche ich bis zum abend nicht.

als der regen aufhört merke ich, dass meine regenjacke nur bedingt trocken hält. obwohl sie kein wasser von aussen durchlässt bin ich waschelnass. sie lässt nämlich auch keinen schweiss hinaus. der vorteil, mir wird nicht kalt. der nachteil, mein leiberl stinkt jetzt schon fürchterlich. und ich habe nicht viel gewand zum wechseln. ich werde also häufig waschen müssen.

ich kämpfe mich weiter. an einer schönen donauschleife mache ich rast und esse meine banane und ein stück brot. dann beginnt es wieder zu regnen und ich verfluche mich, weil ich dieses projekt gestartet habe. heute werde ich keine 80 km schaffen. ich bin viel zu erschöpft und mutlos. und ich bin von meiner wehleidigkeit enttäuscht.

am späteren nachmittag wird der regen stärker und fühlt sich im gesicht an wie nadelstiche. ich möchte das ärgste in einer bushaltestelle abwarten, aber das wetter bessert sich nicht. also beschliesse ich, mich um ein nachtquartier umzusehen.

im nächsten ort gibt es grosse bauernhöfe. das lässt mich hoffen. ich läute beim ersten, ein steinalter mann öffnet. er versteht mein anliegen nicht und holt seinen sohn. ich muss meine bitte um ein nachtquartier wiederholen, sie fällt ein bisschen zaghaft aus. sie hätten andere sorgen hier am hof, meint der sohn, und schickt mich weiter.

der zweite hof ist ganz in der nähe, es schüttet immer noch. diesmal muss ich eine sehr alte frau fragen. sie ist freundlich, hat aber nichts zu sagen am hof. sie leitet die frage an eine jüngere frau weiter, die sich nicht vorstellen kann, wo ich da nächtigen könnte. ein mann kommt dazu, der mich brüsk abweist. mein mut sinkt.

dann eine einfamilienhaus siedlung. ich rechne mir keine grossen chancen aus, hier unterschlupf zu finden. ein bauer kann immer eine scheune oder einen schuppen zur verfügung stellen. einen völlig durchnässten stinkenden fremden in sein haus zu lassen ist da schon etwas anderes. aber ich will noch nicht aufgeben!

egal, es schüttet und ich habe keine andere perspektive. ich fahre die kleine gasse zu den häusern, gehe die stufen hinauf zur ersten eingangstüre und läute. ein mann, der wohl ein bisschen jünger ist als ich, öffnet. ich trage meine bitte vor. er seht mich ein weilchen an und ich denke er wird mich gleich fortjagen. dann sagt er ‚moment, ich frage, was meine frau davon hält.‘ kurz darauf kommt er mit seiner frau zurück, sie mustert mich. ‚wenn  es für dich ok ist.‘ sagt sie. und sie laden mich ein herein zu kommen.

mein fahrrad wird in der garage untergebracht, in der zwei coole weisse rennräder hängen. wie sich später herausstellt sind die beiden gerade erst damit in rom gewesen. sie zeigen mir ihren reisebericht mit fotos und routen. bei einem mittleren tagespensum von 100 km waren sie 12 tage unterwegs. alles was ihre freunde hier im dorf über die reise wissen wollten war, wie es ihren hintern ergangen ist. angesichts meines eigenen verstehe ich das gut.

für mich haben sie im haus ein eigenes zimmer, ein kraftvolles nachtmahl mit eiern und speck. und sie waschen meine stinkende wäsche.

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auch sonst sind sie sehr hilfsbereite menschen. sie unterstützen zb zwei tibetanische kinder, die in indien im exil ohne ihre eltern leben müssen, mit schulgeld. und sie finden mein projekt gut. ich würde mich gerne länger mit ihnen unterhalten, aber ich bin trotz der bescheidenen 50 kilometer, die ich heute zurückgelegt habe, sehr müde. mir wird klar, dass ich mit meinen kräften besser haushalten muss, wenn ich es bis london schaffen will.

als ich aufwache bin ich wieder völlig mut- und kraftlos. so wird es mir an jedem tag gehen, in den kommenden zwei wochen. beim frühstück muntern mich meine gastgeber ein wenig auf. sie geben mir auch verpflegung mit auf den weg. ich kann darauf hoffen an diesem tag eine grössere strecke zu schaffen.

auch das wetter bessert sich zusehends. zwar regnet es immer wieder ein bisschen, das behindert aber kaum beim radfahren. der donauradweg ist wirklich sehr schön wenn das wetter passt, stelle ich fest. an den folgenden tagen komme ich besser voran und erreiche am abend des vierten tages passau.

was sich nicht bessert, ist meine abscheu dagegen um essen und unterkunft zu bitten. ich glaube mittlerweile eine sehr gute vorstellung davon zu haben, wie sich ein bettler fühlt. jedenfalls kann ich mir nicht denken, dass das jemand freiwillig tut. wer bettelt hat keine andere wahl.